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Psychophysikalische Untersuchung von spektralen und zeitlichen Mechanismen des auditorischen Systems anhand harmonischer und unharmonischer Amplitudenmodulationen: relatives und absolutes Gehör

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4.3 Ein Fragebogen für Absoluthörer

Um einige Informationen zusätzlich über meine Absoluthörer zu bekommen, wurden alle Versuchspersonen gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Die Ergebnisse werde ich im Folgenden erläutern.

Alter, Geschlecht

Acht Absoluthörer nahmen an den Tests teil, von denen fünf weiblich und drei männlich waren. Ihr Alter lag zwischen 27 und 60 Jahren, wobei sechs von ihnen zwischen 27 und 30 waren -- alle sechs waren Studenten der Musikakademie.

Instrumente

Als erstes Instrument lernten vier Versuchspersonen Klavier, drei Violine, eine Versuchsperson lernte zuerst Blockflöte. Alle Versuchspersonen lernten danach noch ein anderes Instrument spielen, zumeist Klavier. Alle Versuchspersonen spielen heute Klavier. Die Versuchspersonen lernten die ersten Instrumente zwischen dem dritten und dem neunten Lebensjahr kennen. Die meisten von ihnen kamen schon sehr früh mit den Instrumenten in Kontakt, ab dem vierten Lebensjahr. In Kontakt mit der Musik kamen aber alle z.T. wesentlich früher, zumeist zwischen dem dritten und dem vierten Lebensjahr. Die Eltern waren in drei Fällen Musiker. Eine Versuchsperson kam nach eigenen Angaben erst mit dem zehnten Lebensjahr mit Musik in Kontakt.

Erstes Auftreten des absoluten Gehörs

Die Versuchspersonen merkten zu sehr unterschiedlichen Zeiten, daß sie das absolute Gehör besaßen. Einige bemerkten es schon zu Beginn ihrer musikalischen Karriere mit vier Jahren, andere im Verlauf ihrer Ausbildung und einer erst mit 15, nachdem er schon fünf Jahre Violinunterricht hatte. Meistens entdeckten die Musiklehrer das Talent ihrer Schüler.
Bei größeren Untersuchungen zeigte sich, daß das Alter des ersten Kontakts mit Musik, vor allem der Beginn einer Musikausbildung, stark mit dem Auftreten des AP korreliert ist. In einer Untersuchung mit 1800 Musikern zeigte sich, daß 90% der Musiker, die vor dem Alter von vier Jahren mit Musikstunden anfingen, ein absolutes Gehör erwarben [42]. Ähnliche Zahlen erreichte auch eine japanische Studie mit kleinen Kindern [45]. Kinder, die in diesem Alter mit einer musikalischen Ausbildung beginnen, erreichen (natürlich?) auch eine höhere Musikalität.

Familie

Keiner meiner Versuchspersonen hatte in ihrer Familie eine anderen Person mit absolutem Gehör. Acht Versuchspersonen sind allerdings zuwenig, um eine statistische Aussage über eine möglichen Zusammenhang herzustellen. In einer groß angelegten Untersuchung [35] hatten von 103 befragten Versuchspersonen 41 Verwandte, die auch das absolute Gehör besaßen. Dies ist allerdings noch kein Beweis für eine mögliche Vererbung des absoluten Gehörs.
Es besteht natürlich eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß, wenn die Eltern Musiker sind, die Kinder sehr früh und intensiv mit Musik in Kontakt kommen. Wenn das absolute Gehör im frühen Kindesalter gelernt wir, haben Kinder von Musikern also eine höhere Chance, es zu erwerben.

Bereich

Der Bereich des absoluten Gehörs erstreckte sich bei allen Versuchspersonen auf den gesamten musikalischen Bereich und auf alle Instrumente. Auch waren in meinen Experimenten alle Versuchspersonen in der Lage einen ihnen zuvor unbekannten Sinuston in seiner Tonhöhe absolut zu bestimmen.

Relatives Gehör bei Absoluthörern

Eine Frage des Fragebogens war, ob die Versuchspersonen ihr relatives Gehör explizit trainierten. Die Frage war, ob sie lernen mußten, ein Intervall aufgrund des Verhältnisses der Töne zu bestimmen und nicht durch punktuelles Hören der Einzeltöne. Durch punktuelles Hören der beiden Ecktöne eines Intervalls ist das Intervall natürlich auch bestimmbar (wenn z.B. erst ein C und dann ein G gehört wird, dann ist das Intervall eine Quinte).
Fünf der acht Versuchspersonen gaben an, ihr relatives Gehör explizit trainiert zu haben, zumeist im Laufe ihrer Ausbildung an der Musikakademie im Alter zwischen 16 und 25. Die Dauer dieses Trainings betrug vier bis sechs Jahre. Drei Versuchspersonen gaben an, schon immer auch relativ gehört zu haben.

Bestimmung von Intervallen durch Absoluthörer

Drei Versuchspersonen gaben an, Intervalle früher nur punktuell gehört zu haben, also durch Bestimmung der Einzeltöne. Diese drei können nach intensiven Training des relativen Gehörs Intervalle jetzt auch relativ bestimmen.
Zwei Versuchspersonen gaben an, Intervalle immer nur punktuell zu hören. Diese beiden hatten auch ihr relatives Gehör nie explizit trainiert.
Zwei weitere Versuchspersonen können Intervalle nur punktuell hören, hatten allerdings ihr relatives Gehör (erfolglos) trainiert.
Eine Versuchsperson hat ihr relatives Gehör nie trainiert und hört Intervalle trotzdem relativ, also nicht punktuell. Diese Versuchsperson kam erst viel später als alle anderen mit Musik in Kontakt.

Orientierungssinn

Eine weitere Beobachtung, die mir nach einigen Versuchen auffiel, bezieht sich auf das Orientierungsvermögen der Versuchspersonen. Der Orientierungssinn hat zwar auf den ersten Blick nichts mit dem absoluten Gehör zu tun, aber mir scheint eine Beobachtung trotzdem bemerkenswert: Nur eine der Versuchspersonen besaß einen normal zu nennenden Orientierungssinn. Vier von ihnen hatten einen schlechten Orientierungssinn in dem Sinn, daß sie angaben, im Alltag Probleme zu haben, einen Weg zu finden, oder sich an einem Ort, an dem sie schon früher einmal waren, wieder zurechtzufinden. Die drei verbleibenden Versuchspersonen hatten einen solch schlechten Orientierungssinn, daß sie Probleme hatten, den Weg aus dem Versuchsraum zurückzufinden, den sie hineingekommen sind. Eine Versuchsperson meinte explizit, sie würde gerne ihr absolutes Gehör hergeben, um dafür einen normalen Orientierungssinn zu besitzen.
Diese Beobachtungen wurden nicht quantifiziert, aber sie erscheinen bemerkenswert. Keine der relativ hörenden Versuchspersonen hatten unter den selben Bedingungen solche Probleme.


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