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Psychophysikalische Untersuchung von spektralen und zeitlichen Mechanismen des auditorischen Systems anhand harmonischer und unharmonischer Amplitudenmodulationen: relatives und absolutes Gehör

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4.1 Das absolute Gehör

Häufigkeit

Es gibt einige Menschen, die die Fähigkeit haben, einen Ton in seiner Tonhöhe absolut zu bestimmen. Diese Fähigkeit ist bei einem unter 1500 bis 10000 Menschen anzutreffen. Diese Zahlen schwanken je nach Quelle [33, 9, 6]. Unter Musikern ist das absolute Gehör allerdings erheblich häufiger anzutreffen. Allerdings muß bei diesen Zahlen einschränkend erwähnt werden, daß nicht alle Musiker, die von sich behaupten, das absolute Gehör zu besitzen, es auch tatsächlich haben. Dieses Problem von falscher Selbsteinschätzung scheint in der amerikanischen Literatur verbreitet zu sein. Dort gab es Untersuchungen, in denen die Hälfte der Versuchspersonen trotz eigener Aussage keine absolutes Gehör besaß [42]. Ich hatte dieses Problem nicht; alle meine Versuchspersonen, die von sich behaupteten das absolute Gehör zu besitzen, konnten dies auch in einem Test beweisen.

Es steht zu vermuten, daß manche Personen nie bemerken, daß sie das absolute Gehör besitzen, da ihnen nie auffällt, daß sie anders hören als andere Menschen. Erst im Rahmen einer Musikausbildung wird ihre Fähigkeit dann von ihren Lehrern entdeckt.

Definition des absoluten Gehörs

Vom absoluten Gehör reden wir dann, wenn eine Person einen Ton und auch eine Melodie sofort und ohne erkennbare Mühe benennen kann. Sie muß das unabhängig vom Frequenzbereich und von der Klangfarbe, also auch unabhängig vom Instrument können. In der Literatur finden sich auch oft Definitionen des absoluten Gehörs, die die Fähigkeit verlangen, einen Ton auch ohne Referenz singen zu können [6]. Für meine Versuche war diese Fähigkeit aber belanglos, so daß ich sie nicht getestet habe.

Definition des relativen Gehörs

In der Musikwissenschaft ist ein Relativhörer jemand, der in der Lage ist, Intervalle genau zu bestimmen. Im Gegensatz dazu definiere ich für diese Arbeit den Begriff ,,Relativhörer`` anders. Ich gebrauche den Begriff Relativhörer nur, um sie von Absoluthörern abzugrenzen. In meiner Arbeit sind alle Versuchspersonen, die kein absolutes Gehör besitzten, Relativhörer. Streng genommen ist diese Definition falsch, denn es gibt Menschen, die weder das absolute noch das relative Gehör besitzen.

Tongedächtnis

Das absolute Gehör ist oft mit einem sehr guten Tongedächtnis gekoppelt, d.h. Absoluthörer können sich noch nach langer Zeit an Melodien erinnern. Hier müssen wir das Wort Melodie genauer definieren. Eine Melodie kann sowohl als eine Folge von Tönen, als auch eine Abfolge von Intervallen definiert werden. Im ersten Fall ist sie absolut definiert, im letzteren Fall relativ, daß heißt relativ zu einem Grundton. In unserer abendländischen Musik ist eine Melodie immer transponierbar, also immer nur relativ zu einem Ton definiert.
Wir müssen das Tongedächtnis in ein Gedächtnis für absolute Töne und eines für Intervalle einteilen. Absoluthörer haben im allgemeinen ein gutes Gedächtnis für einzelne Töne im Kontext einer Melodie, während Relativhörer durchaus ein sehr gutes Intervallgedächtnis haben, aber sich (natürlich) keine einzelnen Töne merken können.
Das Tongedächtnis von Absoluthörern kann so exzellent sein wie bei Mozart, der sich einmal in Bologna eine ganze päpstliche Messe merkte und sie nachher Note für Note aufschreiben konnte -- mehrstimmig! Es gibt allerdings auch viele Fälle, in denen Absoluthörer nur ein durchschnittliches Tongedächtnis haben.

Vererbung

Es gibt bis heute keine befriedigende Erklärung für die Entstehung des absoluten Gehörs. Auch die Frage ob es vererbt wird [6], in früher Jugend gelernt wird oder sogar schon in früher Jugend vorhanden ist, aber dann wieder verloren wird [45] ist ungeklärt.
Es gibt einige dokumentierte Fälle von Personen, bei denen das absolute Gehör nicht angeboren war, sondern antrainiert wurde [74, 66]. Diese Personen mußten aber jahrelang jeden Tag mehrere Stunden üben und erlangten das absolute Gehör trotzdem nur für bestimmte Tonbereiche und bestimmte Instrumente.

Bemerkenswert ist, daß ein absolutes Gehör oft mit einer überdurchschnittlichen Musikalität und der Fähigkeit zum Komponieren einhergeht. Viele bekannte Komponisten besaßen das absolute Gehör: Mozart, Beethoven, Haydn, Scriabin und viele andere. Andererseits ist ein absolutes Gehör aber keine Gewähr für eine hohe Musikalität. Ein Hörbildungslehrer an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt drückte das so aus: ,,Es gibt Menschen, die hören nichts, aber machen Musik, als ob sie alles hören würden und es gibt Absoluthörer, die hören alles, aber machen Musik, als ob sie noch nie etwas gehört hätten.``

Synästhesie

Manche Absoluthörer berichten, daß bei ihnen eine enge Verbindung des Gehörs mit anderen Sinneseindrücken besteht. Zum Beispiel gibt es oft eine Verbindung zwischen Hören und Farbeindruck. Für solche Menschen ist dann beispielsweise die Farbe Grün mit der Tonart B-Moll verbunden oder rot mit A-Dur. Dieser Effekt ist bekannt als Synästhesie. Synästhesie ist nicht selten, weder bei Absoluthörern noch bei Relativhörern. Es ist vermutlich kein Zufall, daß der Begriff ,,Klangfarbe`` aus dem Bereich des Sehens kommt.gif[1]Allerdings scheint es außer wenigen Begriffen wie ,,leise`` und ,,laut`` kaum eigene Begrifflichkeiten aus dem Bereich der auditorischen Wahrnehmung zu geben. Die Begriffe ,,Klangfarbe`` und ,,Chroma`` sprechen für sich selbst, auch ,,hell`` und ,,dunkel``, ,,metallisch`` und andere akustische Adjektive kommen aus dem Visuellen. ,,hoch`` und ,,tief``, sowie der Begriff ,,Tonhöhe`` kommen aus der Welt der Orientierung. Wieder andere kommen aus dem Bereich des Haptischen: ,,stumpf``, ,,spitz``, ,,scharf`` Noch öfter als einzelne Töne verbinden Absoluthörer eine bestimmte Tonart mit einer Farbe. Ganze Werke wurden aus dieser Idee heraus geschrieben: Scriabin schrieb seinen ,,Prometheus`` in Verbindung mit einer ,,lightshow``, die aus diesem, nur für ihn sichtbaren Zusammenhang entstand. Schönberg machte Anmerkungen über die Tonarten seiner Komposition ,,Die Glückliche Hand``, die er in einen Zusammenhang mit Farben brachte.
Diese Zusammenhänge sind eventuell nicht nur metaphorisch. Im Falle von Synästhesie kann es sein, daß die Wahrnehmung innerhalb einer Modalität zu Halluzinationen in einer anderen führt.

Nutzen des absoluten Gehörs

Das absolute Gehör scheint eine praktische Sache zu sein. Viele, die es besitzen, sind gute Musiker, die ihren musikalischen Erfolg zumindest teilweise ihrem absoluten Gehör zu verdanken haben.
Eine interessante Frage ist, ob das absolute Gehör irgendwelche Nachteile mit sich bringt. Auf den ersten Blick scheinen Absoluthörer nur Vorteile gegenüber Relativhörern zu genießen. Fragt man aber genauer nach, fallen einige Punkte auf: Oftmals müssen Absoluthörer eine andere Fähigkeit, die beim Musizieren von großer Wichtigkeit ist, explizit trainieren, nämlich die Fähigkeit, ,,relativ`` zu hören. Eine relative Hörleistung ist das Erkennen von Intervallen. Absoluthörer sind natürlich auch in der Lage, Intervalle zu erkennen, sie können jedes Intervall benennen, dadurch, daß sie die beiden Ecktöne des Intervalls identifizieren und daraus das Intervall ,,berechnen``, aber dies benötigt eine zusätzlichen Anstrengung. Diese ,,punktuelle`` Art der Intervallerkennung ist jedem Absoluthörer vertraut, denn sie fällt ihm oftmals leichter als die ,,holistische`` Methode. Nichtsdestoweniger ist die punktuelle Erkennung von Intervallen ein indirektes Verfahren und gänzlich verschieden von der intuitiven Erfassung durch Relativhörer.
Manche Absoluthörer berichten über Probleme beim Transponieren eines Musikstückes, also dem Spielen in einer anderen Tonart. Da Absoluthörer aber meistens Musik machen, sind sie meist auch trainiert auf das Hören und Bestimmen von Intervallen. Diese Fähigkeit wurde aber offensichtlich in früherer Zeit trainiert, während Relativhörer diese Fähigkeit auch ohne spezielles Training intuitiv besitzen.
Vom Absoluthörer Glenn Gould wird berichtet, daß er eine Goldbergvariation von Bach, die er in der richtigen Tonart auswendig spielen konnte, nicht wiedererkannt hat, als sie ihm in einer transponierten Fassung vorgespielt wurde.

Einschränkungen

Vom Komponisten Moore wird berichtet, daß er glücklich war, als er im Alter sein absolutes Gehör verlor. Er konnte danach leichter transponieren, und seine Schüler empfanden es als Erleichterung, nicht mehr von einem Absoluthörer unterrichtet zu werden. Ein anderer Komponist namens Robert Starer meint, daß ,,das absolute Gehör für einen professionellen Musiker nicht halb so wichtig ist, wie die Leute immer glauben.`` [35] Von dieser Frage ist auch die alte Frage nach der Relevanz der einzelnen Tonarten betroffen. Es gibt seit Jahrzehnten einen Streit zwischen Musikern, ob die Tonart wirklich einen Unterschied für die Wahrnehmung eines Stückes macht. Ein Relativhörer kann sicher zwischen Dur- und Molltonarten unterscheiden, aber es ist sehr schwierig, ohne eine absolute Wahrnehmung die genaue Tonart festzustellen. Da viele Komponisten aber Absoluthörer waren (oder sind), macht die Wahl der Tonart für sie sicherlich einen Unterschied. Wahrscheinlich ist dies ein mit Emotionen belegter Unterschied, analog zur Farbwahl eines Malers. Es ist allerdings eine andere Frage, ob andere Menschen, zumal zumeist Relativhörer, diese (für Nichtkomponisten) subtilen Unterscheidungen genauso empfinden. Es wäre sogar umgekehrt möglich, daß die in die Tonart hineingelegten Bedeutungsunteschiede und die daraus entstehenden Unterschiede in der Interpretation eines Werkes sogar erst aus den Werken großer Komponisten entstanden sind.
Manchmal empfinden Absoluthörer eine Einschränkung ihrer Fähigkeit zum Musikgenuß: Manche Absoluthörer fühlen sich unwohl, wenn sie falsche Töne innerhalb von Musikstücken hören. Einige gehen soweit zu sagen, daß sie es nicht ertragen, wenn ein Orchester zu hoch oder zu tief spielt.
Ein Beispiel dafür ist Chormusik. Es gibt aufgrund unserer westlichen zwölftonigen Harmonielehre Kadenzen, die in Quinten aufwärts und in Quarten wieder abwärts gesungen werden, wodurch aber der ursprüngliche Ton nicht wieder erreicht wird. Einem Relativhörer fällt das nicht auf, er empfindet eine solche Kadenz als harmonisch. Ein Absoluthörer kann diese Differenz hören, und manche empfinden sie als unangenehm. Andere Absoluthörer haben keine Probleme mit solchen Unstimmigkeiten. Sie können, vielleicht durch ihr Training des relativen Gehörs, über solche Ungenauigkeiten hinweghören. Sie nehmen sie zwar wahr, aber sie stören sich nicht an ihnen.

Äußere Einflüsse

Interessanterweise scheint es Einflüsse zu geben, unter denen sich das absolute Gehör systematisch verändert. Von einer Frau wird berichtet, daß sie einer systematischen Tonhöhenverschiebung während der Menstruation unterliegt [74]. Ebenso scheint es öfters eine Verschiebung des Tonhöheneindruckes mit dem Alter hin zu höheren Frequenzen hin zu geben. Diese Phänomene sprechen dafür, daß das absolute Gehör eine innere Uhr (eine innere Referenzfrequenz) nutzt, die physiologischen Einflüssen unterliegt [66].
Allgemein gibt es im Alter keinen Verlust des absoluten Gehörs, es scheint also ein lebenslanges Phänomen zu sein. Es gibt allerdings auch Berichte, daß das AP im Alter völlig verschwindet. Der Pianist Gerald Moore verlor, vielleicht durch zuviel Transponieren beim Begleiten von Sängern, sein absolutes Gehör mit der Zeit komplett [68].
Es gibt mindestens einen dokumentierten Fall, in dem ein Absoluthörer durch eine Krankheit eine Verschiebung seines Gehörs erlitt. Nach einer Operation hörte er einige Töne korrekt, andere aber systematisch um einen Viertelton zu hoch [69].

Erlernbarkeit

Trotz für Geld angebotenen Kursen gibt es keinen Hinweis darauf, daß das absolute Gehör im Erwachsenenalter gelernt werden kann. Es hat viele Untersuchungen mit sehr vielen Versuchspersonen zu diesem Thema gegeben [35]. Vor allem Musiker sind an der Frage interessiert, ob das absolute Gehör trainiert werden kann, da viele von ihnen gerne ein ,,perfektes`` oder absolutes Gehör hätten. Die Methode solcher Kurse besteht zumeist darin, sich einen Ton so oft zu vorzuspielen, bis man ihn gelernt hat. Paul Hindemith meinte dazu, wenn sich ein ,,reproduzierbarer Eindruck`` nach 80-100 Versuchen sich noch nicht eingestellt hat, ,,dann taucht die Frage auf, ob da irgendein musikalisches Talent vorhanden sei`` [35]. Dies ist nicht nur sehr optimistisch, sondern nach anderen Forschungsergebnissen schlicht falsch [45]. Es können auf diese Art und Weise zwar kurzfristig gewisse Erfolge erzielt werden, aber dieses absolute Hören verliert sich mit der Zeit wieder, wenn es nicht stetig trainiert wird. Außerdem ist das gelernte absolute Gehör auf wenige Töne begrenzt, und nicht auf andere Instrumente mit anderen Klangfarben übertragbar.

Unterscheidungsfähigkeit

Die Fähigkeit der absoluten Benennung hängt nicht mit der Fähigkeit der Diskriminierbarkeit (Unterscheidungsfähigkeit) zusammen. Relativhörer unterliegen keinen Einschränkungen in der Fähigkeit, Töne oder Silben zu Unterscheiden. In der menschlichen Sprache gibt es ungefähr 90 Phoneme, was ungefähr mit der Zahl der Noten in westlichen Musiksystemen korreliert (ein Klavier hat 88 Tasten). Trotzdem fällt es niemandem schwer, diese Phoneme, die sich teilweise nur wenig unterscheiden, aueinanderzuhalten. Diese Leistungen, genau wie fast alle anderen Leistungen des Gehörs, unterscheiden sich nicht zwischen Absolut- und Relativhörern.

Kategorisierung

Wenn ein Sinneseindruck nicht kontinuierlich verläuft, sondern in festen, klar zu unterscheidenden Sprüngen, dann kann er in ,,Kategorien`` eingeteilt werden. Die Lautstärke ist offenbar ein nicht kategorisierbarer Parameter, im Gegensatz zur Tonhöhe: die Tatsache, daß alle musiktreibenden Völker eine Kategorisierung ihrer Musik vorgenommen haben (die Europäer teilen bekanntlich eine Oktave in zwölf Halbtöne), zeigt, daß der Mensch offensichtlich eine Kategorisierung der Tonhöhe bevorzugt. Bei einer Kategorisierung gilt meistens, daß das Differenzierungsvermögen innerhalb einer Kategorie nicht sehr gut ist, aber wenn eine Grenze zwischen den Kategorien überschritten wird, findet ein sprunghafter Wahrnehmungsvorgang statt [35].
Menschen, die nicht musikalisch trainiert sind, zeigen ein Verhalten, das uns diesen Vorgang erläutert: spielt man ihnen Intervalle vor, dann werden sie diese ohne Sprünge auf einer Achse anordnen. Haben diese Menschen musikalisches Training, dann wird die Kategorisierung immer stärker. Musiker identifizieren ein Intervall, das ungefähr 3 Halbtöne umfaßt, als eine ,,kleine Terz``, bis der Abstand etwas 3.5 Halbtöne umfaßt. Dann erfolgt ein Sprung auf eine große Terz. Die Unterscheidungsfähigkeit innerhalb der einzelnen Kategorien nimmt bei diesem Lernvorgang ab [35].
Die Frage, ob die Tonhöhe kategorisiert wahrgenommen wird oder nicht, hängt nun vom Hörer ab. Ist er ein Absoluthörer, ist seine Wahrnehmung sicher kategorisiert. Das heißt, die Differenzierungsfähigkeit innerhalb einer Kategorie ist schlecht, aber der Übergang von einer Klasse in die nächste, also z.B. von C nach C#, ist deutlich. Bei Relativhörern ist diese Unterscheidungsfähigkeit nicht gegeben. Sie können, wie das typisch für einen kontinuierlichen Reiz ist, die Tonhöhe in fünf bis sieben Klassen einteilen [11]. Diese Unterscheidungsfähigkeit kann durch musikalisches Training gesteigert werden, aber nicht beliebig. Es bleibt immer ein großer Unterschied zwischen Absolut- und Relativhörer bestehen: Ein Absoluthörer nimmt die Skala der Tonhöhe kategorisierend, also diskontinuierlich wahr, ein Relativhörer nichtkategorisierend, also kontinuierlich. Es geht wohlgemerkt nicht um die Fähigkeit, zwei Signale voneinander zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist viel genauer. Ein normal hörender Mensch ist in der Lage, zwei Töne zu unterscheiden, die 0.5% in der Tonhöhe oder der Lautstärke differieren [19].
Es ist an dieser Stelle interessant zu bemerken, daß es im Gegensatz zur Tonhöhe keine absolute Lautstärkenerkennung gibt. Dies liegt nicht an den fehlenden Benennungen. Komponisten haben schon lange sechs traditionelle Lautstärkestufen unterschieden: von pp bis ff. Die Lautstärke unterliegt also auch der oben erwähnten klassischen tex2html_wrap_inline3557-Kategorisierung. Ohne weitere Hilfsmittel können wir ungefähr 5 Stufen der Lautstärke kategorisieren. Es hat sich in vielen Versuchen gezeigt, daß die Unterscheidungsfähigkeit der Lautstärke, auch bei absoluten Tonhöhehörern nicht über eine solche grobe Einteilung hinauskommt.

Andere Techniken des absoluten Gehörs

Es ist möglich, Techniken zu erlernen, um auf verschiedene Art und Weise ein beschränktes absolute Gehör zu erlangen. Zum Beispiel kann ein Sänger über die Spannung seiner Stimmbänder feststellen, welchen Ton er gerade singt. Oder der tiefste Ton des Stimmumfangs einer Sängerstimme wird als Referenzton genutzt. Mit einem guten relativen Gehör können mit Hilfe eines Referenztons alle anderen Tonhöhen bestimmt werden. Eine etwas abstrakte Art des absoluten Gehörs liegt vor, wenn die betreffenden Person mit einem Tinnitus einen ständigen Vergleichston zur Verfügung hat. Allerdings wurde auch schon von Absoluthörern mit Tinnitus berichtet, die feststellten, das ihr absolutes Gehör genauer war, als die Tonhöhe ihres Tinnitus [35]. Viele Musiker können den musikalischen Kammerton ,,A`` erkennen. Da dies der Ton ist, auf den die Instrumente in einem Orchester gestimmt werden, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu.

Das Benennen von Tönen

Es gibt die Theorie, daß die absolute Tonhöhenwahrnehmung eng mit einem linguistischen Gedächtnis gekoppelt ist. Diese Theorie geht davon aus, daß das Hören von Tönen im Prinzip ein Benennen von Tönen ist. Es ist auch tatsächlich nachgewiesen, daß es Zusammenhänge zwischen der Verarbeitung der Sprache und der von Tönen gibt [75]. Es gibt Untersuchungen, daß Absoluthörer zumindest die Erinnerung an Töne und Melodien in den Teilen des Gehirns verarbeiten, die auch für die Erinnerung an Sprache zuständig sind [35]. Die beiden Gedächnisse hängen (bei ihnen) offenbar zusammen. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen ein absolutes Gehör vorliegt, bevor die Tonnamen gelernt werden [35]. In meinen Versuchen hatte ich oft den Eindruck, daß zumindest einige meiner Versuchspersonen die Töne auf irgendeine nicht beschreibbare Weise sprachlich wahrnehmen. Bei einer meiner Versuchspersonen gab es einen ausgesprochenen Zusammenhang zwischen der Sprache und den Tönen. Sie hörte Töne offenbar sehr deutlich als Namen. Es gab bei ihr keine Trennung zwischen der auditorischen Wahrnehmung der Töne und der Benennung derselben. Da ihre Muttersprache italienisch war, war sie auch trotz sehr langem und intensiven Kontakt zur deutschen Sprache und deutscher Notation kaum in der Lage, die Töne nach deutscher Notation zu benennen. Sie mußte sie erst übersetzen.

Unmusikalische Menschen

Neben der Fähigkeit des absoluten Gehörs betrachten wir auch immer die entsprechende relative Fähigkeit, die des relativen Gehörs. Fast alle Menschen besitzen sie, Quellen gehen von 96% aus. Die restlichen vier Prozent können, auch nach Training, keine Intervalle bestimmen und sind auch nicht in der Lage, eine Melodie richtig nachzusingen [35].

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Abbildung: links: Die Anordnung der musikalischen Noten in einer Spirale, rechts: der Tonkreis, der aus Shepardtönen gebildet wird [14].

Absolutes Gehör bei Relativhörern

Nach Untersuchungen von Diana Deutsch [15, 14, 16, 17] besitzt jeder Mensch eine Art von absolutem Gehör. Sie zeigte dies mit einem Experiment, in dem sie ihren Versuchspersonen ,,Shepard``-Töne vorspielte, die eine bestimmte Obertonreihe enthalten. Die Obertöne in diesen Tönen waren im Abstand von halben Oktaven angeordnet mit einer Hüllkurve von der Form einer Gaußkurve. Diese Töne haben physikalisch keine ausgezeichnete Modulationsfrequenz, und bilden, da sie periodisch angeordnet werden können, einen geschlossenen ,,Tonkreis`` (Abbildung 4.1). Die Benennung des Tones erfolgt dabei nach der Frequenz des tiefsten Teiltons. Zwei dieser Töne, in einem Intervall eines Tritonus (also dreier volleer Töne), sollten die Versuchspersonen nach ihrem Intervall beurteilen. Diese Töne liegen sich auf dem Tonkreis genau gegenüber. Alle Versuchspersonen konnten angeben, ob für sie das Intervall nach oben oder nach unten ging, der zweite Ton also höher, gleich hoch oder tiefer war als der erste.
Es stellte sich heraus, daß jede Person reproduzierbar einen bestimmten Ton dieser Reihe immer als höchstes empfand und den gegenüberliegenden immer als den niedrigsten. Erstaunlicherweise hört nun nicht jeder Mensch denselben Ton immer als den höchsten, sondern der subjektiv höchste Ton unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Jeder Mensch hört also einen ganz bestimmten Ton aus diesem Tonkreis höher als alle anderen. Andere Menschen empfinden diesen Ton aber nicht als höher als die anderen. Das Geschlecht oder das Alter spielt keine Rolle, welcher Ton als der höchste empfunden wird. Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem höchsten Ton und der Grundfrequenz der eigenen Stimme.
Der Punkt, auf den es hier ankommt, ist daß jeder Mensch einen bestimmten Ton erkennt, den er (im Beispiel der Shepardtöne) immer als höher empfindet als andere. Kein Mensch, der nicht Absoluthörer ist, kann diesen Ton herausfinden, wenn er allein dargeboten wird. Wird der Ton aber im Kontext mit anderen Tönen als ein Intervall dargeboten, dann wird er immer als der höhere erkannt. Dies ist eine Fähigkeit des absoluten Gehörs, die jeder Mensch besitzt, auch wenn er sie im Alltag nicht bemerkt. Diese Fähigkeit kann offenbar aber nicht zur absoluten Wahrnehmung von beliebigen Tönen benutzt werden, denn dann müßte jeder Mensch zumindest Töne seiner eigenen Stimmlage als solche erkennen können. Bisher konnte ein solcher Effekt nur bei Shepardtönen nachgewiesen werden, wobei Shepardtöne keine klare Modulationsfrequenz haben. Es ist daher zu vermuten, daß dieser Effekt nur bei der Wahrnehmung von Intervallen eine Rolle spielt, also nicht die Fähigkeit ist, die einen Absoluthörer auszeichnet, nämlich das referenzlose Erkennen eines Tones.

Absolutes Gehör bei Tieren

Es gibt Untersuchungen darüber, daß Tiere das absolute Gehör besitzen [68]. Dies zeigt, daß das absolute Gehör keine speziell menschliche Eigenschaft ist, sondern auch in anderen Spezies von Bedeutung sein kann. Es ist durchaus vorstellbar, daß sich vor allem Vögel mit ihrem eingeschränkten ,,Sprachschatz`` mit Hilfe des absoluten Gehörs voneinander unterscheiden. Die Experimente, die zu diesen Themen durchgeführt wurden, sind allerdings schwer zu interpretieren und nicht unbedingt mit denen am Menschen zu vergleichen [12].


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