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4.1 Das absolute Gehör
HäufigkeitEs gibt einige Menschen, die die Fähigkeit haben, einen Ton in seiner Tonhöhe absolut zu bestimmen. Diese Fähigkeit ist bei einem unter 1500 bis 10000 Menschen anzutreffen. Diese Zahlen schwanken je nach Quelle [33, 9, 6]. Unter Musikern ist das absolute Gehör allerdings erheblich häufiger anzutreffen. Allerdings muß bei diesen Zahlen einschränkend erwähnt werden, daß nicht alle Musiker, die von sich behaupten, das absolute Gehör zu besitzen, es auch tatsächlich haben. Dieses Problem von falscher Selbsteinschätzung scheint in der amerikanischen Literatur verbreitet zu sein. Dort gab es Untersuchungen, in denen die Hälfte der Versuchspersonen trotz eigener Aussage keine absolutes Gehör besaß [42]. Ich hatte dieses Problem nicht; alle meine Versuchspersonen, die von sich behaupteten das absolute Gehör zu besitzen, konnten dies auch in einem Test beweisen. Es steht zu vermuten, daß manche Personen nie bemerken, daß sie das absolute Gehör besitzen, da ihnen nie auffällt, daß sie anders hören als andere Menschen. Erst im Rahmen einer Musikausbildung wird ihre Fähigkeit dann von ihren Lehrern entdeckt.
Definition des absoluten Gehörs
Vom absoluten Gehör reden wir dann, wenn eine Person einen Ton und auch
eine Melodie sofort und ohne erkennbare Mühe benennen kann. Sie muß das unabhängig vom Frequenzbereich und von der Klangfarbe, also auch unabhängig vom Instrument können. In der Literatur finden sich auch oft Definitionen des absoluten Gehörs, die die Fähigkeit verlangen, einen Ton auch ohne Referenz singen zu können [6]. Für meine Versuche war diese Fähigkeit aber belanglos, so daß ich sie nicht getestet habe.
Definition des relativen GehörsIn der Musikwissenschaft ist ein Relativhörer jemand, der in der Lage ist, Intervalle genau zu bestimmen. Im Gegensatz dazu definiere ich für diese Arbeit den Begriff ,,Relativhörer`` anders. Ich gebrauche den Begriff Relativhörer nur, um sie von Absoluthörern abzugrenzen. In meiner Arbeit sind alle Versuchspersonen, die kein absolutes Gehör besitzten, Relativhörer. Streng genommen ist diese Definition falsch, denn es gibt Menschen, die weder das absolute noch das relative Gehör besitzen.
Tongedächtnis
Das absolute Gehör ist oft mit einem sehr guten Tongedächtnis gekoppelt, d.h. Absoluthörer können sich noch nach langer Zeit an Melodien erinnern. Hier müssen wir das Wort Melodie genauer definieren. Eine Melodie kann sowohl als eine Folge von Tönen, als auch eine Abfolge von Intervallen definiert werden. Im ersten Fall ist sie absolut definiert, im letzteren Fall relativ, daß heißt relativ zu einem Grundton. In unserer abendländischen Musik ist eine Melodie immer transponierbar, also immer nur relativ zu einem Ton definiert.
Vererbung
Es gibt bis heute keine befriedigende Erklärung für die Entstehung des absoluten Gehörs. Auch die Frage ob es vererbt wird [6], in früher Jugend gelernt wird oder sogar schon in früher Jugend vorhanden ist, aber dann wieder verloren wird [45] ist ungeklärt. Bemerkenswert ist, daß ein absolutes Gehör oft mit einer überdurchschnittlichen Musikalität und der Fähigkeit zum Komponieren einhergeht. Viele bekannte Komponisten besaßen das absolute Gehör: Mozart, Beethoven, Haydn, Scriabin und viele andere. Andererseits ist ein absolutes Gehör aber keine Gewähr für eine hohe Musikalität. Ein Hörbildungslehrer an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt drückte das so aus: ,,Es gibt Menschen, die hören nichts, aber machen Musik, als ob sie alles hören würden und es gibt Absoluthörer, die hören alles, aber machen Musik, als ob sie noch nie etwas gehört hätten.``
Synästhesie
Manche Absoluthörer berichten, daß bei ihnen eine enge Verbindung des Gehörs mit anderen Sinneseindrücken besteht. Zum Beispiel gibt es oft eine Verbindung zwischen Hören und Farbeindruck. Für solche Menschen ist dann beispielsweise die Farbe Grün mit der Tonart B-Moll verbunden oder rot mit A-Dur. Dieser Effekt ist bekannt als Synästhesie. Synästhesie ist nicht selten, weder bei Absoluthörern noch bei Relativhörern. Es ist vermutlich kein Zufall, daß der Begriff ,,Klangfarbe`` aus dem Bereich des Sehens kommt.
Nutzen des absoluten Gehörs
Das absolute Gehör scheint eine praktische Sache zu sein. Viele, die es besitzen, sind gute Musiker, die ihren musikalischen Erfolg zumindest teilweise ihrem absoluten Gehör zu verdanken haben.
Einschränkungen
Vom Komponisten Moore wird berichtet, daß er glücklich war, als er im Alter sein absolutes Gehör verlor. Er konnte danach leichter transponieren, und seine Schüler empfanden es als Erleichterung, nicht mehr von einem Absoluthörer unterrichtet zu werden. Ein anderer Komponist namens Robert Starer meint, daß ,,das absolute Gehör für einen professionellen Musiker nicht halb so wichtig ist, wie die Leute immer glauben.`` [35] Von dieser Frage ist auch die alte Frage nach der Relevanz der einzelnen Tonarten betroffen. Es gibt seit Jahrzehnten einen Streit zwischen Musikern, ob die Tonart wirklich einen Unterschied für die Wahrnehmung eines Stückes macht. Ein Relativhörer kann sicher zwischen Dur- und Molltonarten unterscheiden, aber es ist sehr schwierig, ohne eine absolute Wahrnehmung die genaue Tonart festzustellen. Da viele Komponisten aber Absoluthörer waren (oder sind), macht die Wahl der Tonart für sie sicherlich einen Unterschied. Wahrscheinlich ist dies ein mit Emotionen belegter Unterschied, analog zur Farbwahl eines Malers. Es ist allerdings eine andere Frage, ob andere Menschen, zumal zumeist Relativhörer, diese (für Nichtkomponisten) subtilen Unterscheidungen genauso empfinden. Es wäre sogar umgekehrt möglich, daß die in die Tonart hineingelegten Bedeutungsunteschiede und die daraus entstehenden Unterschiede in der Interpretation eines Werkes sogar erst aus den Werken großer Komponisten entstanden sind.
Äußere Einflüsse
Interessanterweise scheint es Einflüsse zu geben, unter denen sich das absolute Gehör systematisch verändert. Von einer Frau wird berichtet, daß sie einer systematischen Tonhöhenverschiebung während der Menstruation unterliegt [74]. Ebenso scheint es öfters eine Verschiebung des Tonhöheneindruckes mit dem Alter hin zu höheren Frequenzen hin zu geben. Diese Phänomene sprechen dafür, daß das absolute Gehör eine innere Uhr (eine innere Referenzfrequenz) nutzt, die physiologischen Einflüssen unterliegt [66].
ErlernbarkeitTrotz für Geld angebotenen Kursen gibt es keinen Hinweis darauf, daß das absolute Gehör im Erwachsenenalter gelernt werden kann. Es hat viele Untersuchungen mit sehr vielen Versuchspersonen zu diesem Thema gegeben [35]. Vor allem Musiker sind an der Frage interessiert, ob das absolute Gehör trainiert werden kann, da viele von ihnen gerne ein ,,perfektes`` oder absolutes Gehör hätten. Die Methode solcher Kurse besteht zumeist darin, sich einen Ton so oft zu vorzuspielen, bis man ihn gelernt hat. Paul Hindemith meinte dazu, wenn sich ein ,,reproduzierbarer Eindruck`` nach 80-100 Versuchen sich noch nicht eingestellt hat, ,,dann taucht die Frage auf, ob da irgendein musikalisches Talent vorhanden sei`` [35]. Dies ist nicht nur sehr optimistisch, sondern nach anderen Forschungsergebnissen schlicht falsch [45]. Es können auf diese Art und Weise zwar kurzfristig gewisse Erfolge erzielt werden, aber dieses absolute Hören verliert sich mit der Zeit wieder, wenn es nicht stetig trainiert wird. Außerdem ist das gelernte absolute Gehör auf wenige Töne begrenzt, und nicht auf andere Instrumente mit anderen Klangfarben übertragbar.
Unterscheidungsfähigkeit
Die Fähigkeit der absoluten Benennung hängt nicht mit der Fähigkeit der Diskriminierbarkeit (Unterscheidungsfähigkeit) zusammen. Relativhörer unterliegen keinen Einschränkungen in der Fähigkeit, Töne oder Silben zu Unterscheiden. In der menschlichen Sprache gibt es ungefähr 90 Phoneme, was ungefähr mit der Zahl der Noten in westlichen Musiksystemen korreliert (ein Klavier hat 88 Tasten). Trotzdem fällt es niemandem schwer, diese Phoneme, die sich teilweise nur wenig unterscheiden, aueinanderzuhalten. Diese Leistungen, genau wie fast alle anderen Leistungen des Gehörs, unterscheiden sich nicht zwischen Absolut- und Relativhörern.
Kategorisierung
Wenn ein Sinneseindruck nicht kontinuierlich verläuft, sondern in festen, klar zu unterscheidenden Sprüngen, dann kann er in ,,Kategorien`` eingeteilt werden. Die Lautstärke ist offenbar ein nicht kategorisierbarer Parameter, im Gegensatz zur Tonhöhe: die Tatsache, daß alle musiktreibenden Völker eine Kategorisierung ihrer Musik vorgenommen haben (die Europäer teilen bekanntlich eine Oktave in zwölf Halbtöne), zeigt, daß der Mensch offensichtlich eine Kategorisierung der Tonhöhe bevorzugt. Bei einer Kategorisierung gilt meistens, daß das Differenzierungsvermögen innerhalb einer Kategorie nicht sehr gut ist, aber wenn eine Grenze zwischen den Kategorien überschritten wird, findet ein sprunghafter Wahrnehmungsvorgang statt [35].
Andere Techniken des absoluten GehörsEs ist möglich, Techniken zu erlernen, um auf verschiedene Art und Weise ein beschränktes absolute Gehör zu erlangen. Zum Beispiel kann ein Sänger über die Spannung seiner Stimmbänder feststellen, welchen Ton er gerade singt. Oder der tiefste Ton des Stimmumfangs einer Sängerstimme wird als Referenzton genutzt. Mit einem guten relativen Gehör können mit Hilfe eines Referenztons alle anderen Tonhöhen bestimmt werden. Eine etwas abstrakte Art des absoluten Gehörs liegt vor, wenn die betreffenden Person mit einem Tinnitus einen ständigen Vergleichston zur Verfügung hat. Allerdings wurde auch schon von Absoluthörern mit Tinnitus berichtet, die feststellten, das ihr absolutes Gehör genauer war, als die Tonhöhe ihres Tinnitus [35]. Viele Musiker können den musikalischen Kammerton ,,A`` erkennen. Da dies der Ton ist, auf den die Instrumente in einem Orchester gestimmt werden, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu.
Das Benennen von TönenEs gibt die Theorie, daß die absolute Tonhöhenwahrnehmung eng mit einem linguistischen Gedächtnis gekoppelt ist. Diese Theorie geht davon aus, daß das Hören von Tönen im Prinzip ein Benennen von Tönen ist. Es ist auch tatsächlich nachgewiesen, daß es Zusammenhänge zwischen der Verarbeitung der Sprache und der von Tönen gibt [75]. Es gibt Untersuchungen, daß Absoluthörer zumindest die Erinnerung an Töne und Melodien in den Teilen des Gehirns verarbeiten, die auch für die Erinnerung an Sprache zuständig sind [35]. Die beiden Gedächnisse hängen (bei ihnen) offenbar zusammen. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen ein absolutes Gehör vorliegt, bevor die Tonnamen gelernt werden [35]. In meinen Versuchen hatte ich oft den Eindruck, daß zumindest einige meiner Versuchspersonen die Töne auf irgendeine nicht beschreibbare Weise sprachlich wahrnehmen. Bei einer meiner Versuchspersonen gab es einen ausgesprochenen Zusammenhang zwischen der Sprache und den Tönen. Sie hörte Töne offenbar sehr deutlich als Namen. Es gab bei ihr keine Trennung zwischen der auditorischen Wahrnehmung der Töne und der Benennung derselben. Da ihre Muttersprache italienisch war, war sie auch trotz sehr langem und intensiven Kontakt zur deutschen Sprache und deutscher Notation kaum in der Lage, die Töne nach deutscher Notation zu benennen. Sie mußte sie erst übersetzen.
Unmusikalische MenschenNeben der Fähigkeit des absoluten Gehörs betrachten wir auch immer die entsprechende relative Fähigkeit, die des relativen Gehörs. Fast alle Menschen besitzen sie, Quellen gehen von 96% aus. Die restlichen vier Prozent können, auch nach Training, keine Intervalle bestimmen und sind auch nicht in der Lage, eine Melodie richtig nachzusingen [35].
Absolutes Gehör bei Relativhörern
Nach Untersuchungen von Diana Deutsch [15, 14, 16, 17] besitzt jeder Mensch eine Art von absolutem Gehör. Sie zeigte dies mit einem Experiment, in dem sie ihren Versuchspersonen ,,Shepard``-Töne vorspielte, die eine bestimmte Obertonreihe enthalten. Die Obertöne in diesen Tönen waren im Abstand von halben Oktaven angeordnet mit einer Hüllkurve von der Form einer Gaußkurve. Diese Töne haben physikalisch keine ausgezeichnete Modulationsfrequenz, und bilden, da sie periodisch angeordnet werden können, einen geschlossenen ,,Tonkreis`` (Abbildung 4.1). Die Benennung des Tones erfolgt dabei nach der Frequenz des tiefsten Teiltons. Zwei dieser Töne, in einem Intervall eines Tritonus (also dreier volleer Töne), sollten die Versuchspersonen nach ihrem Intervall beurteilen. Diese Töne liegen sich auf dem Tonkreis genau gegenüber. Alle Versuchspersonen konnten angeben, ob für sie das Intervall nach oben oder nach unten ging, der zweite Ton also höher, gleich hoch oder tiefer war als der erste.
Absolutes Gehör bei TierenEs gibt Untersuchungen darüber, daß Tiere das absolute Gehör besitzen [68]. Dies zeigt, daß das absolute Gehör keine speziell menschliche Eigenschaft ist, sondern auch in anderen Spezies von Bedeutung sein kann. Es ist durchaus vorstellbar, daß sich vor allem Vögel mit ihrem eingeschränkten ,,Sprachschatz`` mit Hilfe des absoluten Gehörs voneinander unterscheiden. Die Experimente, die zu diesen Themen durchgeführt wurden, sind allerdings schwer zu interpretieren und nicht unbedingt mit denen am Menschen zu vergleichen [12].
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